Verhandeln am Küchentisch oder Scheidungsklage – Möglichkeiten, die Scheidung durchzusetzen 

Frau M. und Herr S.:

Frau M. möchte sich scheiden lassen. Sie hat schon öfter versucht, mit ihrem Mann darüber zu reden. Die Gespräche enden immer damit, dass er sagt, er sei mit einer einvernehmlichen Scheidung einverstanden, aber der 2-jährige Sohn bleibe bei ihm. Das kann sich Frau M. nicht vorstellen, weil sie sich hauptsächlich um das Kind gekümmert hat. Mit einer Mediation ist Herr M. nicht einverstanden.

Herr S. hat seine Frau schon öfter darauf angesprochen, dass aus seiner Sicht die Ehe nur mehr auf dem Papier besteht, weil jeder Partner seine eigenen Wege geht. Frau S. hat nie wirklich Zeit für ein Gespräch. Er hat den Eindruck, sie würde ihm aus dem Weg gehen und möchte über dieses Thema nicht sprechen.

Wie können Frau M. und Herr S. ihren Scheidungswunsch durchsetzen?

Vermittler im Familien- oder Freundeskreis

Wir hören oft von unseren Klienten, dass ihr Partner über eine Scheidung überhaupt nicht reden möchte. Oft ist ein Gespräch zwar möglich, aber der Partner stellt unannehmbare Forderungen. Um nun ein konstruktives Gespräch in Gang zu setzen ist es oft hilfreich, jemand Dritten als Vermittler beizuziehen. Dies kann ein Freund sein oder ein Familienangehöriger, dem beide Partner vertrauen.

Unser Tipp: Um mit dem Partner über die Scheidung sprechen zu können, ist es oft hilfreich, sich an einem neutralen Ort zu verabreden, zum Beispiel einem Kaffeehaus. Es sollte auch klar sein, was das Thema des Gespräches ist, damit sich beide darauf vorbereiten können.

Mediation

Vielleicht können sich die Partner auch darauf einigen, eine Mediation zu beginnen. Der Mediator ist eine Art Mittler, der hilft, ein Umfeld und ein Kommunikationsklima zu schaffen, in dem die Partner besser miteinander verhandeln und so eine Lösung finden können.

Anwaltsbrief

Oft muss der scheidungswillige Partner den Schritt zum Rechtsanwalt oder zum Gericht tun, um dem anderen zu zeigen, dass es ihm mit der Scheidung ernst ist. Mit dem Anwalt kann der Partner die verschiedenen Möglichkeiten, wie beispielsweise das Collaborative Law Verfahren, besprechen, die zur Lösung des Konflikts zur Verfügung stehen.

Dabei ist der Brief des Rechtsanwalts grundsätzlich das weniger eskalierende Mittel als die Scheidungsklage, vor allem wenn dieser Brief sachlich formuliert ist, und einen ausgeglichenen Vorschlag für eine einvernehmliche Lösung enthält. Der Rechtsanwalt kann den anderen Partner zu einem Gespräch einladen. In vielen Fällen kommt durch einen solchen Brief das festgefahrene Gespräch zwischen den Partnern wieder in Gang, und sie brauchen den Anwalt nur mehr zum Aufsetzen der Scheidungsvereinbarung oder sonstigen Regelung, auf die sie sich „am Küchentisch“ geeinigt haben. Oft setzen sich die Partner mit ihren jeweiligen Anwälten zusammen und verhandeln zu Viert eine einvernehmliche Lösung.

Scheidungsklage

Findet sich der Ehepartner nicht „freiwillig“ zu einem Gespräch bereit, bleibt die Scheidungsklage einzubringen. Am Gerichtsverfahren muss sich der andere beteiligen, will er nicht erhebliche Nachteile riskieren. Der Richter wiederum wird im Scheidungsverfahren ganz zuerst einmal mit den Parteien darüber reden, wie eine einvernehmliche Lösung möglich wäre, die in den meisten Fällen unter Mitwirkung des Richters auch tatsächlich zustande kommt. Die streitige Scheidung kann dann ganz einfach auf eine einvernehmliche Scheidung umgestellt werden. Die Scheidungsklage kann also als taktisches Mittel eingesetzt werden, den anderen zu Gesprächen über eine einvernehmliche Lösung zu veranlassen. (Mehr zum Verlauf des streitigen Scheidungsverfahrens hier …)

Wir empfehlen: jede taktische Scheidungsklage sollte kurz und möglichst neutral gehalten werden. Würde man in dieser Klage die Verfehlungen des anderen zu sehr betonen, würde dadurch eine einvernehmliche Lösung erschwert oder gar unmöglich gemacht.

Zu den Beispielen:

Frau S. sollte sich in einem ausführlichen Gespräch bei ihrem Rechtanwalt informieren, ob eine Scheidungsklage möglich wäre. Vielleicht zögert sie, zu Gericht zu gehen, weil sie Angst hat, damit ein streitiges Verfahren und einen „Rosenkrieg“ loszutreten und das Verhältnis zu Herrn M. zu belasten. Deshalb könnte ihr Rechtsanwalt Herrn M. zunächst einen Brief mit einem Angebot für eine einvernehmliche Ehescheidung schicken. Reagiert Herr M. auf dieses Schreiben nicht, könnte Frau M. die Scheidungsklage einbringen. Die Chancen stehen gut, dass unter Mitwirkung des Richters eine einvernehmliche Scheidung zustande kommt.

Herr S. könnte seine Frau zu einem Gespräch einladen und ihr dafür ganz konkrete Termine vorschlagen oder ihr eine Mediation anbieten. Vorher sollte er sich über die rechtliche Situation und seine Möglichkeiten informieren. Reagiert Frau S. nicht, könnte ein Anwaltsbrief folgen. Bleibt auch dieser ohne Antwort von Frau S., könnte als letzter Weg eine Scheidungsklage eingebracht werden, wenn die Voraussetzungen dafür vorliegen.

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